Staande Mastroute

Mittwoch, den 01. Juli 2020

Es weht ordentlich aus SW auf der Nordsee, eine Alternative muss her…

Von Amsterdam sollte es weiter nach Süden gehen, und da ein Tiefdruckgebiet über Großbritannien einen ordentlichen Starkwind mit Sturmböen auf der Nordsee entstehen lässt, war die Option “außen lang” nicht gegeben.
Als Alternative bot sich die “Staande Mastroute”, also eine Kanalfahrt mit stehendem Mast von Amsterdam bis Zeeland an.
Wir haben intensiv recherchiert, wie die zahlreiche Brücken und Schleusen auf der Strecke zu passieren sind.
Die meisten davon öffnen bei Sichtkontakt, ansonsten nach Aufforderung via Funk.
Soweit die Theorie.
Gleich die 1. Brücke hat es in sich: die 6-spurige Eisenbahnbrücke “Schinkelbrug” am alten Holzhafen von Amsterdam öffnet nur genau einmal am Tag, zwischen 1 und 3 Uhr, nach vorheriger Anmeldung.

Kontaktaufahme mit “Schinkelbrug”-Control

Also haben wir zunächst Kontakt mit “Bridge Control” aufgenommen und dann in den “Oude Houthaven” verholt, um auf den richtigen Zeitpunkt zu warten: “we will contact you at 11, if we know, when the bridge will open…” AHA.
Na dann warten wir: die Brücke öffnete bereits 0:30, bis dahin kamen tatsächlich fast im 5-Minuten-Takt Züge durchgerollt.
Sechs Boote gehen durch und fahren einmal quer durch Amsterdam bei Nacht, zügig reihen wir uns ein.
Elf weitere Brücken gehen zeitgesteuert auf. Eine Gruppe von sechs belgisches Boot jungen Männern vermisst derweile die Uferbepflanzung und rasiert mit den Salingen ein paar Bäume… Gegröhle an Bord, der Rum geht um 🙂 Weitere “spannende” Manöver folgen, ein Segler aus Deutschland findet das nicht so witzig und lässt sich lieber eine halbe Meile zurückfallen, der Kanal ist ja auch recht eng…
Bald schon teilt sich die Gruppe, die ersten Boote geben kräftig Gas und wir können mit den großen Seglern nicht mithalten, die Brücken warten keine 5 Minuten und verlieren wir irgendwo außerhalb von Amsterdam den Anschluss.
Ab jetzt sind wir also auf uns allein gestellt. Wir funken fleißig alle Brücke an: “When can we pass the bridge?” “In a few minutes!” heißt es stets am anderen Funk-Ende
Ein dehnbarer Begriff, wie sich mit der Zeit herrausstellt 🙂 Wenn mit uns ein niederländisches Boot durch die Brücken will, überlassen wir die Kommunikation den Einheimischen, dann geht die Brücke auch meist sofort auf. Aber im Grunde wollen wir uns nicht beschweren, alle Brücken öffnen mehr oder weniger schnell und lassen uns durch, egal ob Eisenbahn-, Bundesstraße- oder Fußgängerbrücke.

Alle Optionen werden geprüft, dieses Auto scheint maßgeschneidert, aber auch nur für Benno

Einzig die Autobahnbrücke am Flughafen zeigt die Lichter “rot über rot”, d.h. “Brücke außer Betrieb”, in der Seekarte steht: Betriebszeiten ab sechs Uhr wieder, es ist halb drei…
gut, dann Anlegen und den Wecker auf 5:50 Uhr gestellt, Funkgerät bleibt zur Sicherheit an.
Gegen fünf blinzel ich aus der Koje “war da was im Funk?” “…Over” höre ich noch, jemand ruft draußen “Hey – hallo”, ich sehe ein rot-grünes Licht, also ein Fahrzeug mit Fahrt durchs Wasser…
Ich stecke den Kopf aus dem Niedergang, die Brücke ist bereits fast vollständig offen…alle Boote stehen Spalier im Kanal! Nix mit um 6:00!
Na toll, alles schläft, also schnell raus, Motor an und Leinen losgeschmissen, Abfahrt!

Darf natürlich nicht fehlen: der obligatorische Käseteller in Gouda

Wir schaffen es noch durch die Brücke, bevor diese schließt…
Das war knapp…wer weiß, wann die Autobahn wieder geöffnet wird.
Erstmal nen Tee, nach einer Weile bemerke ich, dass ich wohl mein Segelmesser bei der Aktion verloren habe…verdammt – irgendwas ist immer 🙁

Von da an geht es aber nahezu problemlos weiter, wir beschließen unterwegs, dass wir in Gouda einen Stop einlegen, uns die Stadt ansehen und einmal richtig ausschlafen wollen.
Direkt neben der Marina ist eine Tankstelle wo wir auch gleich unseren Dieselvorrat auffüllen können.

Rathaus von Gouda

Zwei Tage später geht es dann weiter Richtung Süden, das Wetter sollte auch passen, so dass wir keine 8 Beaufort mehr im Flussdelta haben.
Bruinisse ist unser Ziel, aber vorher gibt es noch ein paar Brücken und vor allem Schleusen zu passieren…
Schon beeindruckend, was die Niederländer da alles gebaut haben, um das Land zu entwässern, denn dafür sind die Kanäle eigentlich da! Je weiter man ins Land hinein kommt, desto höher liegen die Kanäle, teilweise fahren wir mit dem Boot auf Höhe der Dächer, der umliegenden Dörfer…ein witziges Panorama 🙂

Die Berufsschifffahrt nutzt diese Kanäle im Grunde auch landesweit, nahezu jeglicher Güterverkehr wird auf dem Wasser abgewickelt, im Verglech zum LKW-Verkehr, sind die Frachter deutlich schneller als die Freizeitsportler: mit teilweise 15 Knoten düsen sie durch dir Kanäle, Brücken werden angefunkt und noch bevor diese ganz oben ist, ist der Frachter auch schon durch…die Ampel hat nichtmal Zeit auf grün zu springen, exaktes Timing…wir schlüpfen an der ein oder anderen Stelle gleich mit durch.

Apropo Timing:
In Dordrecht erreichen wir dann die letzte große Brücke, genau 2 Minuten bevor diese planmäßig öffnet, alle Achtung an den Navigator! 🙂

Die Staande Mastroute in Bildern: (Hinweis für Smartphone-Nutzer: tippt doppelt auf die Bilder, dann werden sie groß):

Tschüß Amsterdam!

Tschüß Amsterdam!

Bild 1 von 15


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